Buntstift Tipps

Buntstift Tipps

Buntstifte richtig einsetzen:

6 Tipps für mehr Ausdruckskraft



 

1. Farben wählen


Die Wahl der richtigen Farben ist das Fundament jeder gelungenen Buntstiftarbeit. Während Einsteiger-Sets oft 12 bis 24 Farben umfassen, arbeiten fortgeschrittene Künstler mit Sortimenten von 48, 72 oder sogar über 100 verschiedenen Farbtönen. Diese große Auswahl ermöglicht es, subtile Nuancen in Hauttönen, Landschaften oder komplexen Objekten naturgetreu wiederzugeben.


Bei der Farbauswahl solltest du auf mehrere Qualitätsmerkmale achten:

Die Pigmentdichte bestimmt, wie intensiv und deckend eine Farbe ist. Hochwertige Buntstifte enthalten mehr Pigment und weniger Füllstoffe, was zu leuchtenderen Ergebnissen führt. Die Lichtechtheit gibt an, wie gut die Farben dem Ausbleichen durch UV-Licht widerstehen besonders wichtig für Kunstwerke, die gerahmt und ausgestellt werden sollen.


Interessant ist auch die Unterscheidung zwischen warmen und kalten Farbtönen:

Warme Farben (Rot, Orange, Gelb) wirken vordrängend und energetisch, während kalte Farben (Blau, Grün, Violett) zurückweichend und beruhigend erscheinen. Profis nutzen diese Eigenschaft, um räumliche Tiefe zu schaffen. Zudem lohnt es sich, komplementäre Farbpaare zu kennen also Farben, die sich im Farbkreis gegenüberliegen. Diese erzeugen spannungsvolle Kontraste und lassen sich gegenseitig intensiver erscheinen.

 


2. Tiefe erzeugen


Tiefenwirkung mit Buntstiften zu schaffen ist eine der anspruchsvollsten, aber auch lohnendsten Techniken. Anders als bei Malerei mit flüssigen Farben baut man mit Buntstiften die Farbintensität durch Schichtung auf.

Das Grundprinzip: Beginne mit leichtem Druck und hellen Tönen, arbeite dich dann zu dunkleren Schichten vor.


Die Technik des “Layering” (Schichtens) funktioniert am besten auf mittelkörnigem bis glattem Papier. Jede neue Farbschicht füllt die Vertiefungen des Papiers weiter aus. Wichtig ist, zwischen den Schichten die Stiftrichtung zu variieren, mal horizontal, mal vertikal, mal diagonal. So entsteht eine gleichmäßigere Farbverteilung ohne sichtbare Strichrichtungen.


Für besonders intensive, fast malerische Effekte nutzt man die “Burnishing”-Technik: Nach mehreren Farbschichten wird mit einem hellen Buntstift (oft Weiß oder Creme) oder einem farblosen Blender mit festem Druck über die Fläche poliert. Dabei werden die Farbpigmente verdichtet, die Papierstruktur verschwindet nahezu, und die Farben verschmelzen zu einer glatten, glänzenden Oberfläche.


Für realistische Darstellungen ist das Verständnis von Licht und Schatten essentiell. Beobachte genau, wo Licht auf Objekte fällt und wo Schatten entstehen. Kernschatten (direkt am Objekt) sind meist dunkler und haben härtere Kanten als Schlagschatten (die das Objekt wirft). Durch das gezielte Setzen von Highlights mit einem weißen Stift oder durch Aussparen des Papiers lässt sich zusätzliche Dreidimensionalität erzeugen.





3. Linien führen


Die Art und Weise, wie Linien geführt werden, prägt den gesamten Charakter einer Buntstiftzeichnung. Die Linienführung ist weit mehr als nur das Ziehen von Strichen. Sie ist ein Ausdrucksmittel, das Stimmung, Bewegung und Textur vermittelt.


Der Druck, den du auf den Stift ausübst, verändert sowohl die Farbintensität als auch die Strichbreite. Leichter Druck erzeugt zarte, transparente Linien, die sich ideal für erste Skizzen, Vorzeichnungen oder sanfte Schattierungen eignen. Mit zunehmendem Druck werden die Linien kräftiger und dunkler perfekt für Konturen und Akzente. Profis variieren den Druck innerhalb einer Linie, wodurch organische, lebendige Striche entstehen, die an Kalligrafie erinnern.


Die Schraffurtechnik ist grundlegend für das Erzeugen von Tonwerten und Volumen. Bei der einfachen Schraffur werden parallele Linien in gleichmäßigem Abstand gezogen. Der Tonwert wird durch die Dichte der Linien gesteuert. Die Kreuzschraffur, bei der mehrere Schraffurlagen in verschiedenen Winkeln übereinander gelegt werden, ermöglicht noch dunklere Tonwerte und komplexere Schattierungen.


Die Strichrichtung sollte der Form folgen: Bei runden Objekten wie Äpfeln oder Gesichtern folgen die Linien der Wölbung, bei architektonischen Elementen verlaufen sie entlang der Kanten und Flächen. Diese Technik, “konturbetontes Schraffieren” genannt, verstärkt die dreidimensionale Wirkung erheblich.




4. Schichtweise arbeiten


Das schichtweise Arbeiten ist vielleicht die fundamentalste Technik in der professionellen Buntstiftzeichnung. Anders als beim spontanen Malen erfordert diese Methode Geduld und Planung und wird aber mit außergewöhnlicher Farbtiefe und Kontrolle belohnt.


Das Grundprinzip lautet: Von hell nach dunkel, von transparent nach opak. Beginne mit den hellsten Farbtönen und baue die Intensität allmählich auf. Diese Vorgehensweise hat mehrere Vorteile: Erstens bleiben Korrekturen möglich, da du dunkle Farben nur schwer wieder aufhellen kannst. Zweitens wird die Papieroberfläche nicht zu früh gesättigt, was dir mehr Kontrolle über das Endergebnis gibt.


Die Anzahl der Schichten variiert je nach gewünschtem Effekt von drei bis vier für schnelle Skizzen bis zu zehn oder mehr für hyperrealistische Arbeiten. Zwischen den Schichten kannst du verschiedene Techniken anwenden:

Mit einem Papierwischer (Estompe) oder einem Kosmetiktuch lassen sich die Pigmente sanft verwischen und verblenden. Manche Künstler nutzen auch Lösungsmittel wie farbloses Terpentin, um Buntstiftpigmente zu verflüssigen und malerische Effekte zu erzielen.


Wichtig ist auch die Wahl des Papiers: Für intensive Schichtarbeit eignet sich Papier mit guter “Tooth” (Oberflächenstruktur), das mehrere Farbschichten aufnehmen kann. Bristol-Papier oder spezielles Buntstiftpapier mit 150-300 g/m² sind ideal. Zu glattes Papier nimmt weniger Farbe auf, zu raues kann die Details erschweren.


Ein Profi-Tipp: Fixiere Zwischenschichten mit einem Fixativspray, um die Farben zu versiegeln, bevor du weitere Schichten aufträgst. So vermischst du die Farben nicht versehentlich und kannst gezielter arbeiten.




5. Blicke lenken


Die bewusste Lenkung des Betrachterblicks ist eine der wichtigsten kompositorischen Fähigkeiten in der visuellen Kunst. Mit Buntstiften stehen dir dafür verschiedene Werkzeuge zur Verfügung, die du strategisch einsetzen kannst.


Der stärkste Blickfang ist der Kontrast insbesondere der Hell-Dunkel-Kontrast. Das menschliche Auge wird automatisch von den Bereichen angezogen, wo helle und dunkle Werte aufeinandertreffen. Platziere daher deine wichtigsten Bildelemente dort, wo du die stärksten Kontraste einsetzt. Bereiche mit geringem Kontrast treten in den Hintergrund und dienen als “Ruhezonen” für das Auge.


Auch die Farbintensität spielt eine entscheidende Rolle. Hochgesättigte, leuchtende Farben ziehen mehr Aufmerksamkeit als gedämpfte, gräuliche Töne. In der Praxis bedeutet das: Nutze deine kräftigsten Farben für den Fokuspunkt deiner Zeichnung und arbeite mit entsättigten Farben in den Nebenbereichen.


Der Detailgrad ist ein weiteres mächtiges Werkzeug. Bereiche mit feinen Details, scharfen Kanten und präzisen Linien wirken interessanter als verschwommene oder grobe Flächen. Das bedeutet nicht, dass du alles detailliert ausarbeiten solltest im Gegenteil: Selektive Detailgenauigkeit macht deine Zeichnung spannender.


Die Komposition nach der Drittel-Regel hilft ebenfalls: Teile dein Bildformat gedanklich in neun gleiche Bereiche (drei horizontal, drei vertikal). Die Schnittpunkte dieser Linien sind natürliche Blickpunkte. Platzierst du wichtige Elemente dort, entsteht eine ausgewogene, aber dynamische Komposition.
Auch Linien können den Blick führen: Diagonale Linien erzeugen Bewegung und Dynamik, sie “leiten” das Auge durch das Bild. Horizontale Linien vermitteln Ruhe und Stabilität, vertikale Linien Kraft und Erhabenheit.




6. Spannung schaffen


Spannung ist das Element, das eine Zeichnung von “schön anzusehen” zu “fesselnd” verwandelt. Spannung entsteht durch das geschickte Spiel mit Erwartungen und Überraschungen, durch Kontraste und Widersprüche.


Der vielleicht wirkungsvollste Kontrast ist der Komplementärkontrast. Komplementärfarben wie Rot und Grün, Blau und Orange, Gelb und Violett stehen sich im Farbkreis gegenüber und verstärken sich gegenseitig in ihrer Leuchtkraft. Werden sie nebeneinander platziert, entsteht eine visuelle Vibration, die Aufmerksamkeit erregt.
Vorsicht ist geboten beim Mischen: Komplementärfarben neutralisieren sich und ergeben Grautöne.


Warm-Kalt-Kontraste erzeugen ebenfalls Spannung: Warme Farben (Rot-, Orange-, Gelbtöne) scheinen vorzudringen, kalte Farben (Blau-, Grün-, Violetttöne) zurückzuweichen. Nutze diesen Effekt, um räumliche Tiefe zu suggerieren oder bestimmte Bereiche hervorzuheben.


Kompositorische Spannung entsteht durch Asymmetrie. Symmetrische Anordnungen wirken statisch und beruhigend, asymmetrische dagegen dynamisch und interessant. Das bedeutet nicht, dass Symmetrie zu vermeiden ist aber bewusst gesetzte Asymmetrien können ein Bild beleben.


Das Spiel mit positiven und negativen Räumen also gezeichneten und leeren Flächen kann ebenfalls Spannung erzeugen. Negative Räume sind nicht einfach “Hintergrund”, sondern aktive Gestaltungselemente. Manchmal sind die Formen, die durch das Weglassen entstehen, genauso wichtig wie die gezeichneten Objekte selbst.


Texturkontraste bieten eine weitere Dimension: Kombiniere glatte, polierte Bereiche (durch Burnishing erzielt) mit rauen, skizzenhaften Partien. Der Wechsel zwischen verschiedenen Zeichentechniken innerhalb eines Bildes etwa fotorealistischen Abschnitten neben expressiven Schraffuren kann überraschende und spannende Effekte erzielen.


Schließlich kann auch narrative Spannung eine Rolle spielen: Was erzählt deine Zeichnung? Gibt es ein Element der Ungewissheit, eine unvollendete Bewegung, einen emotionalen Moment? Geschichten in Bildern fesseln den Betrachter und laden zum längeren Verweilen ein.

 


 

Jetzt bist du dran!


Buntstifte sind magisch. Sie verbinden uns mit unserer Kindheit, erinnern uns daran, wie es sich anfühlt, einfach draufloszuzeichnen, ohne Angst vor Fehlern. Gleichzeitig ermöglichen sie uns, Kunstwerke zu schaffen, die berühren und begeistern.


Du hast jetzt sechs kraftvolle Techniken kennengelernt, die deine Buntstiftarbeiten auf ein neues Level heben können. Aber Wissen allein macht noch keinen Künstler.

Unser Tipp:

Such dir eine Technik aus, die dich besonders anspricht, und widme ihr eine Woche. Experimentiere, mache Fehler, entdecke, was funktioniert. Dann nimm dir die nächste vor. So verinnerlichst du jede Technik wirklich und entwickelst mit der Zeit deinen ganz eigenen Stil.


Das eigentliche Geheimnis liegt in dir, in deiner Geduld, deiner Beobachtungsgabe, deinem Mut, Neues auszuprobieren. Jede großartige Zeichnung beginnt mit einem einzigen Strich. Also setz ihn heute, jetzt, in diesem Moment.

Denk daran: Jeder Meister war einmal ein Anfänger, der nicht aufgegeben hat. Deine Buntstifte warten schon, worauf wartest du noch? Fang an, hab Geduld mit dir selbst und genieße jeden Moment des kreativen Prozesses. Und erinnere dich daran: Kunst muss nicht perfekt sein, um wertvoll zu sein. Sie muss nur von Herzen kommen.

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