Warum fange ich nicht an zu malen, obwohl ich weiß, dass es mir gut tun würde?
Über kreative Blockaden, die uns vom Malen abhalten und wie wir sie überwinden
Das Papier bzw. Leinwand steht schon seit Wochenende in der Ecke. Die Farben sind sortiert, die Pinsel gewaschen. Alles ist bereit. Nur du nicht. Stattdessen scrollst du durch dein Handy, erledigst Dinge, die eigentlich keine Priorität haben, oder findest plötzlich 100 andere „wichtige“ Aufgaben. Und währenddessen wächst dieses nagende Gefühl: Malen würde mir jetzt so guttun. Aber du fängst trotzdem nicht an.
Wenn dir das bekannt vorkommt, bist du nicht allein. Diese kreative Blockade ist kein Zeichen von Faulheit oder fehlendem Talent. Sie ist ein komplexes Zusammenspiel aus psychologischen Mechanismen, die tief in unserer menschlichen Natur verankert sind. Und das Gute daran: Wenn wir verstehen, was dahinter steckt, können wir gezielt gegensteuern.
Die unsichtbaren Mauern: was uns wirklich zurückhält
Der Perfektionismus-Fluch
„Wenn ich schon mal male, dann soll es auch gut werden.“ Dieser Gedanke klingt vernünftig, ist aber einer der größten Kreativitätskiller überhaupt. Perfektionismus verwandelt das Malen von einem Prozess der Freude und des Ausdrucks in eine Prüfungssituation. Bevor du überhaupt den ersten Pinselstrich gemacht hast, hast du bereits ein Urteil über das fertige Werk gefällt, und dieses Urteil ist selten wohlwollend.
Das Paradoxe: Gerade weil du spürst, das Malen dir gut tun würde, erhöhst du unbewusst Erwartungen. “Wenn es mir gut tun soll, muss es auch bedeutend sein, schön sein, wertvoll sein.“ Doch Heilung und Freude entstehen nicht durch Perfektion, sondern durch den Prozess selbst, durch das Eintauchen in Farben, das Vergessen der Zeit, das spielerische Experimentieren.
Die Angst vor der Konfrontation mit uns selbst
Malen ist intim. Wenn wir kreativ werden, öffnen wir eine Tür zu unserem Inneren. Manchmal wissen wir intuitiv, dass dort Gefühle warten, die wir noch nicht sortiert haben, wie Traurigkeit, Wut, Sehnsucht und Unruhe. Der leere Canvas wird zum Spiegel und nicht immer sind wir bereit für das, was wir darin sehen könnten.
Diese Vermeidung ist völlig menschlich. Unser Nervensystem ist darauf programmiert, uns vor potentiell überwältigenden Erfahrungen zu schützen. Die Ironie: Genau diese emotionale Verarbeitung, vor der wir uns schützen wollen, ist oft das, was uns am meisten guttun würde.
Der Mythos vom „richtigen Moment“.
“Ich fange an, wenn ich mehr Zeit habe.“
“Wenn ich weniger gestresst bin.“
“Wenn ich in der richtigen Stimmung bin.“
Wir warten auf ideale Bedingungen, die nie kommen werden. Dieser Aufschub ist eine subtile Form der Selbstsabotage, weil er uns die Illusion von Kontrolle gibt, ohne dass wir uns tatsächlich verletzlich machen müssen.
Die Wahrheit ist: Es gibt keinen perfekten Moment. Es gibt nur den jetzigen Moment und die Entscheidung, ob wir ihn nutzen oder nicht.
Die Überwältigung durch Möglichkeiten
Manchmal fangen wir nicht an, weil wir nicht wissen, wo wir anfangen sollen. Soll ich abstrakt malen oder realistisch? Welche Farben? Welches Format? Diese Entscheidungslähmung ist besonders tückisch, weil sie sich als rationale Vorbereitung tarnt, tatsächlich aber eine Vermeidungsstrategie ist.
Die unterschätzte Kraft der Gewohnheit
Unser Gehirn ist ein Gewohnheitstier. Wenn Malen nicht Teil deiner etablierten Routinen ist, erfordert es jedes Mal aufs Neue eine bewusste Willensanstrengung und Willenskraft ist eine begrenzte Ressource. Je erschöpfter wir sind (emotional, mental, körperlich), desto schwerer fällt es uns, neue Handlungen zu initiieren, selbst wenn wir wissen, dass sie uns guttun würden.
Der Weg durch die Mauer: Praktische Lösungsansätze
1. Senke die Einstiegshürde radikal
Die mächtigste Strategie gegen Prokrastination ist, den ersten Schritt so klein zu machen, dass Widerstand lächerlich erscheint.
Nicht „Ich male jetzt ein Bild“, sondern „Ich drücke eine Farbe auf die Palette.“ Nicht „Ich erschaffe ein Kunstwerk“, sondern „Ich mache drei Pinselstriche.“
Konkret umgesetzt:
- Stelle dein Material so auf, dass du nur noch zugreifen musst.
- Setze dir ein Zeitlimit von wirklich nur 5 Minuten.
- Erlaube dir ausdrücklich, nach diesen 5 Minuten aufzuhören.
- Definiere dein Ziel um: nicht „ein gutes Bild malen“, sondern „Farbe auf Papier bringen“.
80 % der Fälle wirst du feststellen, dass du nach diesen 5 Minuten weitermachen willst. Der Anfang ist das schwerste. Sobald du im Flow bist, trägt dich die Aktivität selbst.
2. Schaffe einen bedingungslosen kreativen Raum
Kaufe dir ein günstiges Skizzenbuch und deklariere es zu deinem“ Müll-Skizzenbuch“. Nichts was dort entsteht, muss gut sein. Nichts muss jemals jemand sehen. Dieser Raum ist heilig, geschützt vor Bewertung, Kritik und Erwartungen.
Regeln für diesen Raum:
- Keine Selbstkritik während des Malens
- Keine Vergleiche mit anderen Künstlern oder früheren eigenen Werken?
- Kein zeigen auf Social Media oder an Freunde (es sei denn, du willst es wirklich)
- Experiment ist wichtiger als ein “fertiges“ Ergebnis
Diese psychologische Trennung, hier darf ich schlecht sein, hier ist Prozess wichtiger als Produkt, nimmt enormen Druck heraus.
3. Ritualisierte den Einstieg
Unser Gehirn liebt Muster. Wenn du einen festen, wiederholbaren Ablauf für den Beginn deiner Malsession schaffst, wird das Anfangen mit der Zeit automatischer und leichter.
Beispiel für ein Malritual:
- Setze Wasser für Tee auf
- Während das Wasser kocht, legst du die Malutensilien bereit
- Du gießt deinen Tee auf und setzt dich hin
- Du atmest dreimal tief durch
- Du beginnst
Die Handlung muss nicht lang sein aber sie sollte immer gleich ablaufen. Nach einigen Wochen wird allein das Aufsetzen des Wassers deinem Gehirn signalisieren: “Aha, jetzt kommt die Malzeit.“
4. Arbeite mit „Constraint“ als mit Freiheit
Paradox Weise kann zu viel Freiheit lähmend wirken. Setze dir bewusst Einschränkungen, um die Entscheidung zu reduzieren.
Mögliche Constraints:
- Male nur mit drei Farben
- Male nur abstrakte Formen, keine erkennbaren Objekte
- Male nur 15 Minuten
- Benutze nur ein bestimmtes Format (z.B. immer A5)
- Male nur mit deiner nicht dominanten Hand
- Male nur Emotionen, keine Dinge
Diese Beschränkungen sind keine Limitierung deiner Kreativität, sondern ein Gerüst, dass dir Halt gibt, wenn die weiße Leinwand zu überwältigen wirkt.
5. Entkoppele Malen von “Guttun müssen“
Hier liegt eine subtile Falle: Wenn wir uns sagen „Malen tut mir gut“, entsteht unbewusst eine Erwartung und wenn eine Malsession dann doch nicht die erhoffte Erlösung bringt, weil wir frustriert sind, weil nichts gelingt, weil wir unruhig bleiben, fühlen wir uns gescheitert.
Eine hilfreiche Umbewertung:
Malen ist ein Angebot an dich selbst, keine Verpflichtung. Manchmal wird es dich nähren, manchmal wird es dich frustrieren, manchmal wird es dich überraschen. All das ist okay. Der Wert liegt nicht im therapeutischen Effekt, sondern darin, dass du dir Zeit für dich selbst nimmst, dass du etwas erschaffst, dass du präsent bist.
6. Nutze die Kraft sozialer Strukturen
Manchmal brauchen wir externe Verbindlichkeit. Das kann sein:
- Ein fester Maltermin mit einer Freundin (auch virtuell)
- Ein Online-Kurs mit festgelegten Zeiten
- Eine 30-Tage-Challenge, bei der du jeden Tag auch nur 10 Minuten malst
- Ein Accountability-Partnerin, der du täglich ein Foto deines Arbeitsplatz schickst (nicht des Bildes, nur dass du da warst)
Das Geheimnis ist nicht, dass andere deine Kunst bewerten, sondern dass die soziale Vereinbarung dir hilft, die Hürde zu überwinden.
7. Beobachte deine Widerstände mit Neugier
Wenn du das nächste Mal merkst, dass du nicht anfängst zu malen, obwohl du es dir vorgenommen hast, pausiere kurz. Frage dich:
- Was genau befürchte ich gerade?
- Welches Gefühl versuche ich zu vermeiden?
- Was wäre das Schlimmste, was passieren könnte, wenn ich jetzt anfange?
Schreibe die Antworten auf. Oft verlieren unsere Ängste ihre Macht, wenn wir sie konkret benennen und manchmal erkennst du ein Muster: “Aha, ich habe Angst, dass ich nicht gut genug bin“ oder “Ich fürchte mich davor, mit meiner Traurigkeit in Kontakt zu kommen.“
Diese Erkenntnis allein löst die Blockade nicht auf aber sie verwandelt einen diffusen Widerstand in etwas Greifbares, mit dem du arbeiten kannst.
Die tiefere Wahrheit: Widerstand als Information
Vielleicht ist dein Widerstand gegen das Malen auch ein Hinweis, dass etwas an deinem Ansatz nicht stimmt. Manche Menschen malen nicht, weil sie eigentlich lieber tanzen würden oder schreiben oder töpfern. Manchmal verwechseln wir die Sehnsucht nach kreativen Ausdruck mit der Idee wie dieser Ausdruck auszusehen hat.
Frage dich ehrlich: Ist es wirklich das Malen, dass mir fehlt oder ist es etwas Tieferliegendes. Der Wunsch nach Flow, nach sinnlichen Erleben, nach Ausdrucksfreiheit, nach Zeitlosigkeit?
Wenn es das Malen ist: Wunderbar, dann nutze die oben genannten Strategien. Wenn es etwas anderes ist: erlaube dir, das zu erkunden.
Ein Anfang, kein Masterplan
Dieser Text soll keine weitere To Do Liste sein, die dich unter Druck setzt. Wähle einen Ansatz aus, der dich anspricht. Nur einen und probiere ihn für eine Woche aus.
Vielleicht ist es die 5 Minuten Regel.
Vielleicht ist es das Müll-Skizzenbuch.
Vielleicht ist es ein festes Ritual.
Wähle, was sich am leichtesten anfühlt, nicht was am effektivsten klingt.
Und dann? - und das ist das Wichtigste - sei unglaublich sanft mit dir selbst. Kreative Blockaden entstehen oft aus einem Ort der Härte uns selbst gegenüber: Wir sollten produktiver sein, besser sein, mehr schaffen. Aber Kreativität gedeiht nicht unter Druck. Sie gedeiht unter Neugier, Spielfreude und Selbstmitgefühl.
Du musst nicht jeden Tag malen. Du musst keine guten Bilder erschaffen. Du musst nichts beweisen.
Aber wenn du spürst, dass es dir guttun würde, wenn dieser leise innere Ruf da ist, dann verdienst du es, ihm nachzugehen. Nicht perfekt, nicht heroisch, sondern einfach. Einen winzigen Schritt nach dem anderen.
Die Leinwand wartet. Nicht fordernd, sondern geduldig. Sie wird auch morgen noch da sein. Aber vielleicht, nur vielleicht ist heute der Tag, an dem du ihr ein wenig Farbe schenkst
Nicht, um ein Meisterwerk zu schaffen, sondern um bei dir selbst anzukommen.
